Hagen, Jens (Best. 1753) Bestand (0 Verzeichnungseinheiten, 0 Einträge)

Einführung

?Wir alle waren entzückt, wir alle erkannten, dass wir Verwirrung und Unsinn hinter uns ließen und unsere einzig edle Funktion unserer Zeit erfüllten, in Bewegung zu sein. Und wie waren wir in Bewegung!, zitiert Jens Hagen eine Passage aus Jack Kerouacs ?Unterwegs (?On The Road) in einer Einladung zu seinem Geburtstag, gleichzeitig Kerouacs 72. Geburtstag - das amerikanische ?move eigens unterstreichend (Nr. 907). Ähnlich schreibt Thomas Linden in der Kölnischen Rundschau vom 7.8.1997, ?Jens Hagen ist ein Mensch, der die Bewegung liebt (Nr. 324). Berücksichtigt man gleichzeitig die im Werk des Protagnonisten allenthalben sichtbare soziale und dezidiert politische Position, fällt zweierlei ins Auge: Permanenz und inhaltliche Orientierung im Zuge praktischer Mitgestaltung. Bereits die wenngleich nur registrierende Beschäftigung mit dem Werk erweckt den Eindruck eines mit Verve durch die Welt eilenden, fast möchte man sagen stürmenden Menschen, der denkbar schnell und offenen Sinnes vieles aufnimmt und in die eigene Lebensführung integriert. Aus solcher Integrität erwächst ein Grad an Kompromisslosigkeit, der konventionelle Schranken überschreiten lässt und damit - nicht eben zufällig - einer zumal im Köln seiner Zeit florierenden Konzeption des ?fluxus korrespondiert. Gesichert durch gründliche Recherchen und mit einer Vorliebe für die spontane und nicht zu weit gespannte Form wirft Hagen sich in nachgerade fließenden Übergängen in mehrere Metiers. Karin Hempel-Soos berichtet im Vorwärts vom 12. Mai 1983, ?Ich bin ein Chaot, sagt er [Hagen] über sich.....Aber ich arbeite diszipliniert(Nr. 310). ?Fluxus und partielles Chaos spielen denn auch beim vorliegenden Nachlass eine beachtliche Rolle und bieten angesichts enormer Produktivität der katalogisierenden Einordnung keine geringen Probleme. Letztlich wäre denselben nur mit einem komplexen Verweisnetz beizukommen, was intime Kenntnis der thematischen und sachlichen Zusammenhänge voraussetzte, die im Rahmen bloßer Kennzeichnung eines Volumens wie dem vorliegenden nicht zu erreichen ist bzw. zu weit ins Feld editorischer Überlegungen geriete. Den zumindest oberflächlichen Ansatz eines Verweiszusammenhangs hat der Berichtende versucht, doch nicht zuletzt infolge des zweistufigen Verfahrens und der sich daraus ergebenden Umnummerierung im Hinblick auf begrenztes Zeitpotential wieder fallenlassen bzw. gelöscht - einige Reste in der Beschreibung lassen dies noch erkennen.

Der so knapp charakterisierte Nachlass wurde im Jahre 2004 von den Mitarbeitern des HAStK Dr. Eberhard Illner und Marion Fey übernommen bzw. ins Archiv verbracht. Ordnung und Verzeichnung erfolgten vom Frühjahr 2006 bis Ende des Jahres 2008. Der Bestand umfasste zunächst: in Ordnern verwahrte Dokumente, in Archivkartons bei der Übernahme gesammeltes Material, mehrere Objekte, einen Koffer mit Schimmelbefall sowie einen mit Taschenbüchern, Broschüren u.dgl. überladenen Packwagen des Archivs. Entschimmelung und damit ermöglichte Einbeziehung des Kofferinhalts fanden wenige Monate vor Beendigung der Arbeiten statt. Bezüglich des Packwagenguts wurde ursprünglich erwogen, dem Heinrich Heine-Instituts eine Auswahl für das dortige Haus zu überlassen. Eine solche kam nicht zustande, so reifte der Entschluss, das gesamte Gut kurzerhand dem Hauptkorpus zuzuschlagen. Zwei weitere Volumina an anderem Stand- bzw. Lagerort kamen dem Bearbeiter Ende August 2006 zur Kenntnis: eine umfangreiche Hängeregistratur sowie ein respektabler Plakatbestand. Unter dem Aspekt von Verzeichnungsdichte und -tiefe war das für die Arbeitsplanung ungünstig, da einige strukturelle Entscheidungen bereits getroffen waren. Die Eingliederung der Hängeregistratur schien nicht mehr tunlich, und es blieb am Ende beim Zitat der Registermappenreiter bzw. Titeleien. Allerdings stammt das meiste der fraglichen Textkonvolute aus parallelen Vorlagen in den Archivkartons. Anders der Fotobestand der Registratur: er ist wichtig und reichhaltig, bedarf aber ebenso wie derjenige in den Kartons genauerer Sichtung, die erfolgreich wohl nur unter Mithilfe der Erbin geleistet werden kann. Sanierungsbedingter vielfacher Bürowechsel und einjährige Archivierung in ungeeigneter Räumlichkeit beeinträchtigten insbesondere Messung und Farbbestimmung der Plakate. Ton- und Film-/Videodokumente wurden nicht abgespielt, allein deren Beschriftungen sind referiert. Während der Erfassung wurden aus dem Bestand mehrfach Ausstellungen bestückt oder Material zu anderen Zwecken entnommen. Die Restitution der Exponate ist noch nicht abgeschlossen, so dass sich vorübergehend kleinere Unstimmigkeiten zwischen Deskription und derzeitiger Sachlage ergeben können.

Erfassung und Ordnung erfolgten in zwei Runden: eine Erstaufnahme mit provisorischer Nummernvergabe und eine folgende Umgruppierung mit endgültiger Nummerierung. Angestrebt wurde, Zusammengehöriges möglichst auch numerisch zusammenzuhalten oder -zubringen, was den Überblick und die Orientierung im Bestand vereinfacht und nicht zuletzt Archivmitarbeitern im Falle der Suche in eng assoziierten Themen artistische Übungen vor den Regalen erspart. Hagen war, wie seine Lebensgefährtin Dorothee Joachim bemerkte, ein ?manischer Fotokopierer. Zudem betrieb er eine ausgeprägte ?Zettelwirtschaft und verwahrte vieles in transparenten Prospekthüllen, die Weichmacher enthalten. Nicht immer standen einschlägige Verbringungsmöglichkeiten zur Verfügung. Als Behelf dienten zweitverwendete Briefumschläge, deren Nichtzugehörigkeit zum Korpus mit einfacher Durchkreuzung und der Paraphe Bb kenntlich gemacht ist. Allerdings sollten auch diese auf Dauer ersetzt werden. Entgegen der von Hagen meist gepflegten geschäftsmäßigen Ablage erfolgte die Beschreibung in der Regel in ?Leserichtung. Dergestalt brachte die Aufteilung von Ordnerinhalten in mehrere Teilbände oder Mappen mitunter gewöhnungsbedürftige Gegenläufigkeiten von Nummerierung und Chronologie mit sich, was in Kauf genommen wurde. Während im Textbestand oft und - animiert durch zwischenzeitliche Nutzungen - teilweise auch in der Korrespondenz bis hinab auf die Elemen-tarebene ermittelt wurde, bleibt die Situation im fotografischen Konvolut (Kartons und Registratur) unbefriedigend. Wie bereits angedeutet, sind hier mühsame Recherchen erforderlich. Bis zu solchen erlaubt die vorliegende Katalogisierung wenig mehr als eine Besitzstandsidentifikation.

Ordner- und Kartonanzahl betrugen anfangs 174 resp. 61, die zusammen ca. 66 lfd. Regalmeter beanspruchten. Im jetzigen Bestand beläuft sich die Summe aller Archivalien an den drei Orten - Regale, Hängeregistratur, Graphikschrank - auf etwa 62 Meter, darunter knapp 290 Archivkartons und
4 Graphikladen. Kassiert wurde nur die Menge eines Archivkartons. Redundanzbedenken erledigten sich bald, als sich abzeichnete, dass oft mehrfach Vorhandenes in je verschiedenen Zusammenhängen unterschiedlich fungierte und eine nur nach quasi-ökonomischen Gesichtspunkten verfahrende Deskription Gefahr lief, genealogische und inhaltliche Zusammenhänge aus dem Blickfeld zu rücken. Künftige Werkrekonstruktionen würde das erschweren. Bei nochmaliger Prüfung dürfte gleichwohl Weiteres der Kassation anheimfallen.




Folgende Abkürzungen seien hervorgehoben:


Hs, hs : Handschrift, handschriftlich
Ms, ms, masch.: Maschinenschrift, maschinenschriftlich (seltener: Manuskript, unspezifiziert)
Ts : Typoskript
OTs : Originaltyposkript (direkter Maschinenanschlag, nicht notwendig ?die Reinschrift)
TsD : Typoskriptdurchschlag (Kohlepapier)
TsK, TsF : Typoskriptkopie, Typoskriptfotokopie (hier manchmal synonym verwendet)
vgo, vgl : vorgeordnet, vorgelagert (aus Leserperspektive)
ngo, ngl : nachgeordnet, nachgelagert (Leserperspektive)
A4 : Papiergröße gemäß der DIN-Norm (ensprechend A5 etc.)
u.m. : und mehr
u.d.Ps. : unter dem Pseudonym
FT : Fototasche
FTü : Fototüte
FNk : Foto-Negativkartei
GTb : Großes Tonband (29,5x29,5cm Schuber, Spulenkern 10cm Durchm.)
KTb : Kleines Tonband (25x25cm Schachtel, Spulenkern 10cm Durchm.)
Ac : Audiocassette
Vc : Videocassette
AK : Archivkarton/Archivkasten


Die Darstellung des Erfassungsresultats in dreispaltigen Kästen folgt einem Vorschlag Dr. Illners. Die anfängliche Übung, semantischen Ausdrucksebenen - Nachlasser, Berichter usw. - auch typographisch für den Findbuchleser mittels Kursivierung etc. zu unterscheiden, verlor sich später aus Zeitgründen, scheint aber auf Dauer leistbar und wünschenswert. Zeit spielte schließlich auch in den letzten Tagen der in größter Eile abgeschlossenen Arbeit die maßgebende Rolle: eine gründliche Redaktion war nicht mehr zu schaffen. Davon zeugen uneinheitliche Anordnung der Verzeichnungskategorien (Beschreibung, Schriftart, Umfang etc.), nicht durchgängige Form der Einklammerung [eckige für den Verzeichner] und insbesondere die ebenfalls uneinheitliche Interpunktion, für die Gesichtspunkte stimmiger Syntax, aber auch der Lesefreundlichkeit nicht mehr genügend zur Geltung kamen. Eindeutigkeit der sachlichen Auskunft sollte jedoch im Wesentlichen gewahrt sein. Ein weniger ?robustes Layout bleibt der Zukunft vorbehalten. Wie die Ordnung von Dokument und Material gewiß auch anders hätte erfolgen können, so ergab sich schließlich ein nicht zum Druck bestimmtes, vorläufiges Findbuch, das etwas unfreiwillig den Charakter eines ?work in progress angenommen hat - nicht ganz unähnlich manchen der Arbeiten Hagens. Es erfüllte seinen Hauptzweck, wenn es als früher und tauglicher Wegweiser für den Zugang zum Nachlass des allzubald Verstorbenen diente.

Bestärkt durch die kursorische Lektüre zweier einschlägige Tagungen resümierende Veröffentlichung, ?1968 und die Anti-Atomkraft-Bewegung der 1970er-Jahre. Überlieferungsbildung und Forschung im Dialog, 2008 hrsg. von R. Kretzschmar, Cl. Rhem und A. Pilger, glaubt der Unterzeichner, daß dem Hagen-Nachlass ein hervorragender Stellenwert für das Verständnis gerade dieser Zeit zukommt.









Lebenslauf Jens Hagen

[bis auf die Hinzufügung des Geburtsortes
Text der Ausstellung im HAStK 2005]

Jens Hagen, geboren am 12.3.1944 in Steinhöring bei Wasserburg am Inn, wuchs auf in Dinslaken am Niederrhein und lebte seit 1964 in Köln. Er begann mit 16 Jahren für Zeitungen zu schreiben (und zu fotografieren), arbeitete seitdem freiberuflich. Studierte - neben seiner damals journalistischen Arbeit - Theaterwissenschaft, Philosophie und Germanistik. Arbeitete seit 1969 auch für Funk und Fernsehen. War u.a. Lokal-, Gerichts- und Polizeireporter (z.B. für den EXPRESS), ein Kenner der Rock-, Blues- und Song-Szene, gehörte zum Kollektiv der ersten alternativen Kölner Stadt-Zeitung ANA&BELA und der legendären WDR-Jugendsendung ?Panoptikum, schrieb für Zeitschriften wie ?konkret, ?Spontan, ?underground, ?Deutsche Volkszeitung, war Kulturkritiker, Kommentator, Moderator, Realisator, Fotograf, Dozent, Regisseur. Mitbegründer von ?Künstler für den Frieden und aktiver Gewerkschafter.

Er arbeitete seit 1980 als freier Schriftsteller und schrieb vor allem Hörspiele, Gedichte, Poeme, Satiren, Erzählungen, Drehbücher, erotische Kurzgeschichten und Romane. Veröffentlichte über zwanzig Hörspiele (u.a. gemeinsam mit Günter Wallraff, Gerd Wollschon und Uwe Erichsen), die von allen ARD-Rundfunkanstalten gesendet wurden; außerdem etliche Bücher, z.B. ?Was wollt ihr denn, ihr lebt ja noch (zusammen mit Günter Wallraff), ?Der Tag, an dem Oma wegen Beleidigung der Nationalmannschaft verhaftet wurde (Satiren), ?Manchmal da packts dich einfach (Gedichte), ?Zeitgedichte, ?Erfolg macht geil und ?Was für ein Tag zum Träumen (rororo), ?Haiku Kriminale (Verlag Landpresse, 1997), ?Am Rande der Wörter (Haiku, edition fundamental, 2000), ?Mach mal bitte Platz, wir müssen hier stürmen. - Als der Beat nach Deutschland kam - Fotografien von J.H. (Verlag M7, 2000), ?Die Satzinsel (Haiku 2, edition fundamental, 2002).

Hagen arbeitete seit langem auch mit bildnerischen Mitteln (Zeichnungen, Objekte, ?Stöcke, ?Steine, Fotografie, copy-art, Konkrete Poesie). Ausstellungen u.a.: Baackscher Kunstraum, Köln (mit Dieter Reick); KAOS-Galerie, Köln; Werkstatt-Galerie Tam Uekermann, Köln; Buchhandlung M7 und SK Stiftung Kultur im MediaPark Köln, 200 (im Rahmen der 14. Internationalen Photoszene Köln); Galerie Pentagramm im KULT 41, Bonn, 2001; Kunstverein Frechen, 2001.

1977 erhielt er den Literatur-Förderpreis des Landes NRW, 1980 das Förderstipendium der Stadt Köln für Literatur, 1990 die Auszeichnung ?Hörspiel des Monats (für ?Total real), 1993 und 1996 Arbeitsstipendien (Hörspielförderung) der Filmstiftung NRW.

Jens Hagen starb am 11.6.2004 in Mechernich bei Köln.



Der Zugang zum Nachlass steht in den meisten Partien jedem Interessierten offen.
Zur Einsicht in die Privatkorrespondenz (Kapitel VI.2), die persönlichen Doku-
mente (Kapitel VII) und die nachfolgend angeführten Archiveinheiten aus dem
Fotobestand (Kapitel IV.1) ist Erlaubnis einzuholen bei Dorothee Joachim,
Alteburger Wall 1, 50678 Köln.
Nr. 479, 484, 493,




Köln, 9.1.2009



(Hans-J. Burbaum)

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