Die Restaurierung des geborgenen Archivgutes

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Die Restaurierung des geborgenen Archivgutes

Beitragvon Schwintzer » Mi 11. Mär 2015, 11:08

Bevor mit der Restaurierung einer geborgenen Archivalie begonnen werden kann, muss festgestellt werden, um welche Art von Archivgut es sich handelt (z.B. Akten, Bücher, Fotografien, Karten oder Pläne, Urkunden).

Diese bestehen aus unterschiedlichen Materialien wie Papier, Leder, Pergament, Holz, Metall, Wachs und Blei. Es ist in der Regel komplexer, eine Handschrift in Buchform als eine Karte oder Urkunde zu restaurieren. Bei der Herstellung eines Buches wurden mehrere Materialien verwendet, deren Behandlung unterschiedliche Maßnahmen beziehungsweise eine andere Herangehensweise erforderlich macht.

Unabhängig vom verwendeten Material muss ein Großteil der Objekte vorab gefriergetrocknet werden. Dabei wird den Archivalien in einer speziellen Vakuumkammer die Feuchtigkeit entzogen, indem das Wasser direkt vom gefrorenen in den gasförmigen Zustand überführt wird.

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© Stadt Köln/Carsten Gruss
Die Gefriertrocknungsanlage im Restaurierungs- und Digitalisierungszentrum des Historischen Archivs der Stadt Köln
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Trockenreinigung

Beitragvon Schwintzer » Mi 11. Mär 2015, 11:31

Die Trockenreinigung ist grundsätzlich der erste Arbeitsschritt. Unterlässt man ihn, kann es bei nachfolgenden Maßnahmen - wie einer wässrigen Reinigung oder Verwendung von Klebstoffen - geschehen, dass der Schmutz untrennbar an das Objekt gebunden wird. Staub und Schmutz bieten zudem Mikroorganismen einen idealen Nährboden.

Je nach Oberflächenbeschaffenheit des Materials muss ein geeignetes Verfahren für die Trockenreinigung angewandt werden. So sind Papier und Pergament keineswegs ebenmäßig, sondern haben auf der Oberfläche dreidimensionale Strukturen, auf und in denen sich Schmutz und Staub anlagern können. Eine Lederoberfläche ist hingegen vergleichsweise glatt und bietet für Staubpartikel weniger Möglichkeiten, sich festzusetzen.

Der Trockenreinigung kommt im Falle des vom Einsturz geschädigten Archivguts eine besondere Bedeutung zu. Es handelt sich bei dem entstandenen Betonstaub nämlich nicht um normalen Staub. In einem Gutachten vom August 2009 wurde bestätigt, dass der Betonstaub einen hohen alkalischen pH-Wert von 11 bis 12 besitzt. Dieser Wert kann durch Feuchtigkeitseinfluss noch weiter ansteigen. Zum Vergleich: Natronlauge hat einen ungefähren pH-Wert von 14 und ist hoch ätzend.

Darüber hinaus ist der Staub besonders scharfkantig sowie oftmals sehr fein. Es wurden Größen von weniger als einem Mikrometer, das entspricht einem tausendstel Millimeter, gemessen. Dieser Staub kann tief in die Materialien eindringen und sogar bei geschlossenen Büchern bis in das Buchinnere gelangt. Daraus resultiert, dass selbst Archivalien, die den Einsturz scheinbar gut überstanden haben und denen man eine Verschmutzung auf den ersten Blick nicht ansieht, zunächst gründlich gereinigt werden müssen.

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© Rheinisches Bildarchiv/Anna C. Wagner
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Werkzeuge und Materialien

Beitragvon Schwintzer » Mi 11. Mär 2015, 11:43

Bei der Trockenreinigung kommen zahlreiche Hilfsmittel und Methoden zum Einsatz. Einige stellen wir Ihnen vor:

Pinsel
In der Regel werden die Oberflächen zunächst mit einem weichen Pinsel abgefegt. So können lose aufliegende Verschmutzungen entfernt werden.

Spatel oder Skalpell
Bei fest sitzendem Schmutz kommt ein Spatel oder ein Skalpell zum Einsatz. Er wird mit diesen Werkzeugen abgekratzt beziehungsweise abgeschabt. Dabei ist größte Vorsicht erforderlich, um das Material so weit wie möglich zu schonen.

Latexschwamm
Der sogenannte Latexschwamm verteilt den Schmutz nicht auf der Oberfläche, sondern bindet ihn. Er kommt daher in der Restaurierung sehr häufig zum Einsatz.

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Druckluft
Eine Reinigung ist außerdem mit Druckluft möglich, wobei man Airbrush- oder Ausblaspistolen zweckentfremdet. Mithilfe eines Kompressors wird Luft aus der Düse herausgeblasen.


Nur in den seltensten Fällen bringt eine Methode allein den gewünschten Erfolg. In der Regel sind kombinierte Verfahren am effektivsten: Zunächst wird das Blatt mit einem Pinsel oder mit Druckluft behandelt, anschließend kann mit dem Latexschwamm gezielter und gründlicher gereinigt werden. Anhaftende Verkrustungen fallen schlussendlich dem Skalpell zum Opfer.
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Weitere Arbeitsschritte

Beitragvon Schwintzer » Mi 11. Mär 2015, 11:57

Bei stärker in Mitleidenschaft gezogenem Archivgut beginnt nach der Trockenreinigung die zumeist zeitintensivere und aufwändigere Arbeit:
  • Schließen von Rissen
  • Ergänzen von Fehlstellen
  • Glätten von Papier und Pergament
  • Restaurieren von Buchmalereien
  • Verkleben von gebrochenen Holzdeckeln
  • Ergänzen des Einbandleders
  • Restaurieren von Schließen und Siegeln

Diese Bearbeitungsschritte werden in der Massenbehandlung jedoch erst begonnen, wenn alle „fortschreitenden Schäden“, die bei Nichtbehandlung den Verfall des Archivgutes beschleunigen, bearbeitet sind.
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