Asylarchiv und Köln-Flocken

In diesem Forum werden Ihnen alle Fragen zur Benutzung, Restaurierung und zum Wiederaufbau des Historischen Archivs der Stadt Köln beantwortet.
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Asylarchiv und Köln-Flocken

Beitragvon Schwintzer » Mo 16. Mär 2015, 08:34

Wie in jedem beruflichen Umfeld verwenden auch wir Mitarbeitenden des Archivs bestimmte Begriffe, die sich im Laufe der Zeit etabliert haben und für uns völlig selbstverständlich sind. Oft vergessen wir, dass diese Bezeichnungen für Menschen außerhalb der Institution nicht mit einem eindeutigen Sinn verbunden sind. Und so geschieht es, dass ich verwirrt angeschaut oder - idealerweise - um eine Erklärung gebeten werde, wenn ich mal wieder eines davon unbedacht verwendet habe.
Ein Lieblingswort, das mir öfter herausrutscht ist "Asylarchiv", aber es gibt bestimmt weitere, die mir gar nicht bewusst sind...

Liebe Leserinnen und Leser, bitte fragen Sie nach Begrifflichkeiten!
Liebe Kolleginnen und Kollegen, bitte ergänzt diese Liste!
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Asylarchiv

Beitragvon Schwintzer » Mo 16. Mär 2015, 09:03

Nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs im März 2009 musste das geborgene Archivgut möglichst schnell und möglichst gut untergebracht werden. Unmittelbar nach dem Einsturz wurden die Archivalien zunächst in eine Räumlichkeit nach Köln-Porz/Lind (das heutige Restaurierungs- und Digitalisierungszentrum, RDZ) gebracht. Hier wurde das trockene Archivgut gesichtet, grob gereinigt und vorläufig verpackt.
20 Archive in ganz Deutschland boten damals ihre Hilfe in Form geeigneter Magazinfläche an, die wir gerne annahmen. Die gepackten Archivkartons wurden von Schleswig im Norden bis Freiburg im Süden in den verschiedenen Institutionen untergebracht, für die sich in der Folge der Begriff Asylarchive durchsetzte.
Seit Oktober 2009 sichten Fachkräfte des Archivs zusammen mit angelernten Helferinnen und Helfern in den Asylarchiven, die geretteten Objekte. Das heißt konkret, den Inhalt der Kartons zu identifizieren, Schäden zu dokumentieren und, insofern möglich, einem bestimmten Bestand zuzuordnen oder genau zu beschreiben. Die Erfassung erfolgt mittels einer speziell entwickelten Software. Nach der Neuverpackung des Archivguts bekommt jede Einheit (ob identifizierte Akte oder nicht zuschreibbarer Zettel) einen eigenen Barcode, sodass von da an nachvollzogen werden kann, was sich wo befindet. Erst so wird es möglich, einen genauen Überblick darüber zu bekommen, welches Archivgut geborgen werden konnte und was vielleicht für immer verloren gegangen ist.
Bereits erfasstes Archivgut wird in Auswahl aus den Asylarchiven zur weiteren Bearbeitung ins RDZ (s.o.) zurückgebracht. Ziel ist die Zusammenführung des gesamten Archivbestands.
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Köln-Flocken

Beitragvon Schwintzer » Mo 16. Mär 2015, 09:20

Der Begriff Köln-Flocken wird besonders in den Medien gerne verwendet. Bei meiner Arbeit im Archiv begegnet er mir eher selten.
In Anlehnung an das Grundnahrungsmittel eines bekannten Herstellers, der von der Schreibweise allerdings abweicht, werden damit Archivalien bezeichnet, die durch den Einsturz bis hin zur Unkenntlichkeit beschädigt wurden und nunmehr in undefinierbaren Fetzen vorliegen.
Ähnlich wie bei dem umgangssprachlich Stasi-Schnipselmaschine genannten Computerprogramm, gibt es ein Projekt, das zum Ziel hat, die Köln-Flocken wieder in ihren ursprünglichen Zusammenhang zurückzuführen.
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Gefriertrocknungsanlage

Beitragvon Schwintzer » Mi 18. Mär 2015, 15:05

Nach dem Einsturz des Archivs wurde ein großer Teil der Archivalien durchnässt geborgen - viele kamen mit Grundwasser in Berührung, andere waren dem Regen ausgesetzt.
Die feuchten oder nassen Archivalien wurden noch an der Einsturzstelle abgespült, um grobe Verschmutzungen zu entfernen, dann in Folie verpackt und in Gitterboxen gelegt. Gefüllte Gitterboxen wurden in sogenannten Schockgefrierzellen von Kühlhäusern bei -25°C eingefroren. Dadurch konnte der weitere Zerfallsprozess, z.B. Befall durch Schimmelpilze, Aufquellen des Materials oder Korrosion von Metallteilen, gestoppt werden.
Seit Mitte 2009 wird das eingefrorene Archivgut nach und nach gefriergetrocknet.
Bei einem normalen Auftauprozess wären die Archivalien erneut der Nässe ausgesetzt. Daher erfolgt die Trocknung in einer Vakuumgefriertrocknungsanlage. Bei diesem Prozess wird unter Vakuumbedingungen das Eis direkt in Wasserdampf überführt, der sich außerhalb der Anlage niederschlägt. Dieser Vorgang wird auch Sublimation genannt und bewirkt die vollständige Trocknung des Archivguts, ohne dass es erneut nass wird. Nach Abschuss der Gefriertrocknung folgen restauratorische Arbeitsschritte.
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Die Gefriertrocknungsanlage im Restaurierungs- und Digitalisierungszentrum Köln-Porz/Lind (© Historisches Archiv )
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Der Kölner Meter

Beitragvon Schwintzer » Mi 18. Mär 2015, 15:39

Der Kölner Meter ist keine festgelegte, normierte Maßeinheit. Vielmehr ist er ein Hilfsmittel der Mitarbeitenden des Historischen Archivs Köln, um die Menge des geborgenen, erfassten, gefrorenen oder bearbeiteten Archivguts schnell und einfach in einer Zahl ausdrücken zu können. Wichtig ist dieses z.B. bei der Berechnung des Platzbedarfs für die Einlagerung im Magazinbereich oder den Transport.

So entsprechen beispielsweise .....
  • 6 kleine Kartons
  • 3 große Kartons
  • 70 Pläne (Großformate wie Pläne oder Plakate)
  • oder 4,5 Sonderobjekte (kleine Statuen, Pokale, Medaillen o.ä.)
.... jeweils einem Kölner Meter ;)

Bei Paletten oder anderen Transporteinheiten wird entsprechend umgerechnet:
z.B. 1 Palette = 55 kleine Kartons = 9,2 Kölner Meter

Vor dem Einsturz beherbergte das Archiv rund 27.256 lfd. Kölner Meter an Archivalien. Durch die Schäden am Archivgut und die nötig gewordenen Umverpackungen kommt es zu einem Volumenzuwachs von ca. 50%. Somit rechnen wir nach Abschluss der Bergungserfassung mit etwas 48.500 lfd. Kölner Metern Archivguts.
Bis heute (Stand: 20.03.2015) wurden 26.754 lfd. Meter Archivguts bergungserfasst, d.h. gesichtet und in einer entsprechenden Datenbank verzeichnet. Rund 14.529 lfd. Meter müssen noch erfasst werden, sodass wir von insgesamt 41.283 vom Einsturz betroffenen Kölner Metern Archivguts ausgehen.
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